Le(h/e)re
Es ist vollbracht! Meine Klausur im politikwissenschaftlichen Grundkurs II: “Bundesrepublik Deutschland und Globalisierung” ist endlich (vermutlicher sogar sehr) erfolgreich geschrieben.
Wie der Name schon verrät, wird in dieser Veranstaltung mittels Vorlesung und Tutorium versucht, Grundlagenwissen zu vermitteln. Der Unterschied zu den anderen Grundkursen liegt dabei darin, daß der verantwortliche Dozent ein großer Verfechter des unreflektierten Auswendig-Paukens von vorgefertigen Begriffsdefinitionen ist. Ebenso groß sein Geschick bei der Auswahl von Tutorinnen und Tutoren, die dieser Linie prinzipiell treu bleiben. Fügt man diesem System nun Studenten meiner Art hinzu, denen stumpfsinnige Wissensreproduktion seit jeher ein Gräul ist, offenbaren sich auch schon die ersten -sozialwissenschaftlich gesprochen- Konfliktlinien. Zugegeben: Eine befriedigende Erklärung für mein Scheitern im ersten Klausurversuch lierfert das dennoch nicht. War es im Endeffekt doch die Faulheit?
Ein Jahr später: Meine Einsicht in die Notwendigkeit der Aneignung minimalen Basiswissens ist gestiegen, meine Motivation und meine Arbeitsweisen haben sich geändert und der äußere wie innere Erwartungsdruck sind gestiegen. Kurz: Die Voraussetzungen für einen erneuten Klausurversuch scheinen wesentlich verbessert. Soweit zumindest meine Einschätzung. Umso erstaunter bin ich dann, als mir bei der Klausurvorbereitung dennoch immer wieder die Wut hochkommt und ich versucht bin die Lektüre aus dem Fenster zu schmeißen…
Die Auflösung: Basiswissen ist für weiteres Lernen oder gar Forschen unerläßlich, sei es auch nur um dem “sozialen Prozess” Wissenschaft als Basis für nötige Kommunikation zu dienen. Das kann dieses Basiswissen aber nur dann leisten, wenn es transferierbar bleibt. Dieser Transfer ist dabei aber abhängig von:
1. Angemessener Darstellung
Einfache Fakten und Zusammenhänge bedürfen keiner komplizierten Beschreibung. Im Falle von Sozialwissenschaften ergibt sich daraus die Forderung nach einer klaren und präzisen Sprache. Vage, schwammige, stellenweise redundante Ausführungen vermögen lediglich die durschnittlichen Erstsemester mit Ehrfurcht vorm dem Autor/dem Vortragenden zu erfüllen. Den Kern, die zentrale Aussage solcherlei Ausführungen zu finden benötigt Ressourcen, die besonders Bachelorstudenten nicht übrig haben.
2. Glaubwürdigkeit der Lehrenden
Wer seinen Studenten vollständige und korrekte Zitation abverlangt tut gut daran, sie selber zu betreiben. Ansonsten droht den eigenen Ausführungen die Nachvollziehbarkeit und Prüfbarkeit abhanden zu kommen, wodurch sie unbrauchbar würden. Das gilt insbesonders für den, der sich vornehmlich als Herausgeber und nicht als Autor betätigt. Noch mehr, wenn man sich als Autor in erster Linie auf die Kollegen, statt auf die eigenen Überlegungen stützt.
3. Kontext
Das Wissen darum, welcher Mensch aus welcher Partei gegewärtig das Bundesministeramt für Senioren, Familie, Frauen und Jugend innehat, macht aus niemandem einen besseren Politikwissenschaftler. Der zusätzliche Hinweis auf die mächtige Stellung der Parteien innerhalb einer parlamentarischen Demokratie mit Vielparteiensystem wäre insofern eher hilfreich, um nur ein unbeholfenes Beispiel zu nennen. Das läßt zumindest die Möglichkeit offen, bei einem späteren Vergleich zwischen idealtypischen parlamentarischen und präsidentiellen Demokratien das Faktenwissen um besagtes Ministeramt zur Veranschaulichung zu Hilfe zu ziehen.
Werden nun im Rahmen einer Lehrveranstaltung diese Kriterien nicht erfüllt, bleibt es letzten Endes individuellem Talent oder -überspitzt- schierem Zufall überlassen, ob nach Semesterende mehr bleibt als der bloße Scheinerwerb. Um eben den soll es aber eigentlich nicht vornehmlich beim Besuch der Hochschule gehen… Oder?